6 Tage auf dem Selvaggio blu. Ein Erlebnisbericht und zwei Erkenntnisse. Mindestens.

Das Meer glitzert im Sonnenschein. Direkt unter mir leuchtet es türkisblau durch die sattgrüne Macchia. Die verdrehten sonnengebleichten Wachholderäste ragen in den blauen Himmel wie die Finger einer Gespensterhand.

So sitze ich zwischen Himmel, Erde und Wasser und kann mich kaum satt sehen an der wilden Schönheit. Wenn ich die Augen schliesse, höre ich die das Rauschen des Meeres und spüre meine Füsse. Sie brennen. Selten sind sie so beansprucht wie jetzt gerade. Ich bringe mein Gewicht einschliess­lich Rucksack wieder auf meine Füsse und setze – in der Gruppe – den Weg fort.

Das ist allerdings einfacher gesagt als getan. Treffender wäre: Wir suchen unseren Weg fort. Die Wegspuren auf dem Selvaggio blu sind oft spärlich. Wir orientieren uns an Steinmännchen, in den Bäumen liegenden Steinen und blauen Punkten. Die Karte und das GPS geben die grobe Richtung vor. Danach müssen wir uns auf unsere Sinne und die Intuition verlassen. Der Weg erfordert unsere ganze Aufmerksamkeit. Ich brauche meine Hände, um Äste aus dem Weg zu schieben oder mich am harten scharfen Fels festzuhalten. Jeder Schritt ein Balanceakt. So tanze ich über Karstfelder, krieche durchs Dickicht und stehe unvermittelt am Abgrund. Vor mir zeichnet die Küste Ostsardiniens eine geschwungene Linie in den Horizont. Unter mir eine 40 Meter hohe Felswand.

Es ist bereits Tag 4 des Trekkings und die vierte Abseilstelle auf der heutigen Etappe. Deshalb sitzen die Handgriffe. Ich mache ich mich bereit fürs Abseilen. Ein Weggefährte kontrolliert, es kribbelt in meinem ganzen Körper und dann geht’s los in die Tiefe. Ich hänge in der Luft, mit Blick auf das Meer und geniesse die Fahrt nach unten. Leichtigkeit und Glück und Nervenkitzel. Alles gleichzeitig, bis ich wieder festen Boden unter den Füssen habe, mich losmache und „Seil frei“ rufe, sodass der oder die nächste sich abseilen kann. Unten angekommen an der imposanten Felswand, schaue ich nochmals hoch. Die Seile verschwinden aus meinem Blickfeld. Ich bin wieder umgeben von gewundenen Ästen, stacheligen Büschen und Geröll.

Zu zweit gehen wir weiter, Schritt für Schritt durchs Gehölz. Wir weichen den Dornenranken aus, tauchen unter Ästen durch und legen an Tempo zu, denn es wird bereits dunkel. Unvermittelt gibt uns der Wald frei und wir stehen am Strand. Um Feuerholz zu finden, gehen wir nochmals zurück in den Wald. Diesmal ohne Rucksack. Mir kommt es vor, als würde ich schweben, obwohl meine Beine nach dieser langen Etappe bleischwer sind. Als das Feuer brennt, um auch den Letzten der Gruppe den Weg zu weisen, meldet sich der Hunger. Jetzt freue ich mich darauf, meine müden Füsse von den schweren Schuhen zu befreien und zu essen.

Schon bald sind wir alle ums Feuer versammelt, die Kichererbsen köcheln im Topf. Ein reichhaltiger toskanischer Brotsalat stillt den ersten Hunger. Stolz, müde und zufrieden sitzen wir ums Feuer. Leise vertraute Gespräche und hin und wieder ein Lachen zeugen davon, dass wir unterwegs als Gruppe zusammengewachsen sind.

Am nächsten Morgen liegen wir auf dem von der Sonne erwärmten Kieselstrand, in den Ohren das Rauschen der Wellen und das Zwitschern der Vögel. Ich strecke meinen müden Körper aus und geniesse das Nichtstun. Das Meer glitzert im Sonnenschein. Diesmal nicht weit unter, sondern direkt vor mir.

Ich habe zum zweiten Mal den Selvaggio blu begangen. Doch die Reise geht innerlich weiter. Noch lange begleiten mich die vielen Eindrücke und wenn ich versuche zusammenzufassen, was mich an diesem Trekking so berührt, dann sind es diese beiden Dinge:

Weich werden in wilder, karger, harter Umgebung

Eine Teilnehmerin sagte im Rückblick: „Ich hatte anfänglich den Eindruck, jeder müsse beweisen, dass er fit ist und mehr tragen und schneller gehen könne, als alle anderen.“ Das habe sich aber mit der Zeit verändert. Ob dieser Wettbewerb tatsächlich für alle spürbar war oder nicht, bleibe dahingestellt. Sicher ist, dass wir anfänglich angespannt waren. Schaffe ich dieses Trekking? Kann ich mit den anderen mithalten oder falle ich der Gruppe zur Last? Solche und ähnliche Fragen haben viele von uns beschäftigt, haben verunsichert. Entsprechend verhärtet sind einige aus der Gruppe in dieses Trekking gestartet. Mit dem Gehen fiel diese harte Schale zusehends ab. Die Menschen wurden weicher. Das Vertrauen in der Gruppe wuchs. Wir konnten einander jeden Tag besser einschätzen und wussten mit der Zeit, wer welche Stärken und Schwächen hat. So ist es uns gelungen, uns zu öffnen, uns auch verletzlich zu zeigen, weich zu werden.

Diese Geschmeidigkeit spiegelte sich auch in unseren Körpern. Anfänglich fiel es uns schwer, mit dem Rucksack das Gleichgewicht auf den unebenen Wegen zu halten. Mit der Zeit jedoch wurden unsere Bewegungen immer natürlicher, fliessender. Schliesslich tanzten wir mit Leichtigkeit über die Karstfelder.

Der Weg erschliesst sich im Gehen

Geschmeidigkeit ist auch das Stichwort für mein zweites Fazit. Rückblickend verlief unsere Reise nämlich sehr fliessend. Und dies obwohl – oder gerade weil – die Umgebung von starken Polaritäten geprägt ist: Der Selvaggio blu schlängelt sich entlang der Grenze zwischen Wasser und Land. Steile Felswände, luftige Höhen und direkt daneben das ruhige Rauschen des Meeres. Schwindelerregende Ausgesetztheit und Wegsuche im dichten Unterholz. Zarte leuchtende Blumen inmitten von hartem grauem Fels. Sonnige Weitblicke auf Klippen und Abstieg in dunkle faszinierende Tropfsteinhöhlen. Grosse körperliche Anstrengung tagsüber und abends Entspannung am Feuer und beim erfrischenden Bad im Meer.

In dieser Umgebung haben wir uns Schritt für Schritt fortbewegt, immer mit dem Etappenziel fest vor Augen. Ähnlich einem Fluss, der sich den Weg durch das Gelände sucht, mit dem Fernziel, das Meer zu erreichen. Das erfordert eine hohe Präsenz im Jetzt. Wir müssen aufmerksam sein für Zeichen am Wegrand, offen bleiben für Umwege und Kurven. Oftmals erschliesst sich uns der Weg erst im Gehen. Und tatsächlich: Auf der abschliessenden Bootsfahrt entlang der Küste können wir nur erahnen, wo unser Weg durchgeführt hat. Erkennbar ist er vom Meer aus nicht.

Natürlich könnten wir an dieser Stelle Parallelen ziehen zu Change-Prozessen in Teams und Organisationen. Aber das lassen wir an dieser Stelle. Lieber lassen wir die Bilder dieser Reise sprechen und wünschen uns, dass es immer wieder gelingt, auch in rauher Umgebung, geschmeidig und weich zu bleiben, im Jetzt präsent zu sein und uns – das Ziel fest vor Augen – Schritt für Schritt einen Weg zu suchen, wo aus der Ferne betrachtet keiner ist. Schrammen, blaue Flecken, Nervenkitzel und Glücksgefühle inklusive.

2017-10-13T19:50:43+00:00