Südmarokko, Stein- und Sandwüste am Fusse des Djebel Bani  – 28. Februar – 8. März 2016

Zaid sitzt im Schatten des Zeltes. Mit ruhiger Hand schneidet er ein Stück Autopneu zurecht. Aus einem kaputten Wasserkanister trennt er ein Stück heraus. Schusternägel zaubert er aus seinem Lederbeutel mit allerlei Werkzeugen. Und so nehmen die Sandalen Form an. Er arbeitet achtsam und mit grosser Ruhe.

Die sechsjährige Zahra setzt ihren Fuss auf die inzwischen mit Leder gepolsterte Sohle und Zaid verfeinert die Passform. Dann schneidet er die Lederriemen zu und befestigt sie im passenden Abstand. Da noch eine Niete, dort einen weiteren Nagel, die Schnalle befestigen und die Schuhe sind bezugsbereit. Zahra ist stolz auf ihre neuen Sandalen. Einfach und robust schützen sie vor spitzen Steinen und dem heissen Wüstensand.

Jetzt sind wir an der Reihe. So einfach und leicht wie es bei Zaid ausgeschaut hat, geht es bei uns dann doch nicht. Zaid sitzt aufmerksam dabei, gibt da eine Hilfestellung und dort einen Tipp. Teilweise hält er es kaum aus, uns selber ausprobieren und machen zu lassen.

Wozu auf Vorrat lernen?

Zaid gehört zum Volk der Amazigh. Er ist Berber, würden wir sagen. Weil das Wort Berber sich von Barbar herleitet, bevorzugen wir und er den Begriff Amazigh. Denn ein Barbar ist Zaid keinesfalls. Er ist im Nomadenzelt aufgewachsen. Mit Ziegen und Dromedaren. Ohne Schulzimmer. Seine Schule war die Wüste selbst. Sie hat ihn gelehrt, sich genau diejenigen Fähigkeiten und Fertigkeiten anzueignen, die er gerade braucht, um im Moment zu bestehen. So fertigt er in einer guten Stunde nicht nur Sandalen, sondern auch eine Pinzette aus Restmetallstücken. Denn wo Zaid lebt, gefällt es auch den stacheligen Akazien und da ist es nützlich, sich eine Pinzette machen zu können.

Dass wir von ihm lernen wollen, eine Sandale oder eine Pinzette anzufertigen, kann er nicht recht nachvollziehen. Wir sind ja bereits ausgerüstet. Lernen auf Vorrat, für den Fall der Fälle, ist ihm fremd. Er lacht und schüttelt den Kopf. Die direkte Herausforderung definiert für ihn das Mass des Lernens. An diesem Punkt verknoten sich die geschäftigen, auf das Sammeln getrimmten Hirnwindungen der Westler.

Lehrmittel Akaziendorn

Karla, eine Deutsche mit Doktortitel, die nun schon seit 10 Jahren in Südmarokko lebt und mit einem Amasigh verheiratet ist, baut sowohl sprachliche als auch kulturelle Brücken. Sie verdeutlicht, dass Menschen wie Zaid, die nie zur Schule gegangen sind, ein anderes Verständnis von Lernen in sich tragen. Sie lernen sehr schnell und immer aus einer unmittelbaren Notwendigkeit heraus. Ich bin in einen Akaziendorn getreten, also brauche ich eine Pinzette. Also fertige ich mir eine.

Aneignung von Fertigkeiten und Wissen für die Zukunft ist hier schlicht und einfach nicht von Bedeutung. Die Menschen vertrauen darauf, aus dem Moment heraus das zu finden, was sie brauchen oder jemanden zu treffen, der weiterhelfen kann. So ist auch die Weitergabe von Wissen keine Selbstverständlichkeit. Ob Zaids Kinder mal genau so geschickt Schuhe oder Pinzetten anfertigen können, steht in den Sternen. Vielleicht, wenn sie in die Situation kommen, Schuhe oder eine Pinzette zu brauchen und Zaid nicht in der Nähe ist…

Das wiederum ist uns Europäern, die wir jahrelang die Schulbank drücken und uns gerne mit Doktortiteln schmücken, fremd. Wie kann es sein, dass Zaid sein Wissen nicht an seine Kinder weitergibt? Er muss doch. Muss er? Was mag Zaid wohl denken? Wozu wollen diese Europäer sich Sandalen anfertigen können? Diese Fragen müssen wohl offen bleiben.

Mit den Händen verstehen wir uns

Zaid hat am Ende der Woche seine Chefin Karla gefragt, ob er mit der nächsten Gruppe wieder Pinzetten und Sandalen anfertigen könne. Es hat ihm offen­sichtlich Spass gemacht. Wir freuen uns darüber, denn uns hat es ebenso begeistert. Das gemeinsame Werkeln und Tun – ohne viele Worte – hat uns wohl näher mit den Amazigh in Verbindung gebracht, als es jede Diskussion samt Übersetzung hätte schaffen können.

Wir haben – wiedereinmal – erfahren, dass gemeinsames Tun verbindet. Es lässt uns im Hier und Jetzt sein. Mit Muse haben wir Schminkdöschen geschnitzt, Ziegenhaar und Rohwolle gesponnen. Mit genau denjenigen Werkzeugen, die da waren. Einer Aale, die Zaid bei Bedarf in einen Schraubenzieher umformt, einer Säge, einer Zange und einem Hammer. Safé (das genügt), sagt er.

Genügsamkeit und Freiheit           

Und in Sachen Genügsamkeit können wir sehr viel lernen von den Nomaden. Ihre Ausrüstung ist auf das Notwendigste reduziert; einen Teppich, eine Wolldecke, eine Kanne, Tee und (viel) Zucker. Im Zusammensein mit den Nomaden merken wir, wie sehr wir es gewohnt sind, uns Vorräte anzusammeln – Wissen und materielle Güter. Und ich möchte das an dieser Stelle gar nicht werten.

Hier in der Wüste ist Freiheit das Mass der Dinge. Die Freiheit, jederzeit weiterziehen zu können. Da ist alles Unnötige nur Ballast. Eine Fessel. Die Genügsamkeit dient dem agilen unterwegs Sein und damit letztlich der Freiheit.

In unserer Diskussion um Suffizienz werden wir genau so gefordert sein, eine überzeugende Antwort auf die Frage zu finden, wem oder was Genügsamkeit dient – sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene.

Und jetzt? Nicht der Besitz, vielmehr das handwerkliche Geschick und das tiefe Vertrauen um das Auffinden des Notwendigen, gepaart mit Erfindergeist, lässt uns entspannt in das Unbekannte reisen. Die Wüste, die Weglose, lässt uns mit neugewonnener Orientierung weiter ziehen. Nomadisch. Die Antworten auf unsere Fragen wurden mit neuen Fragen beantwortet. Und das ist gut so.

Begleitest du uns auf die nächste Marokko-Reise? >>> Details findest du bald hier!

2017-10-13T19:30:36+00:00